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Wenn auch der Name Schinderhannes noch heute in aller Munde ist, gab es in den über 200 Jahren seit seinem Tod weder das Bestreben, eine vollständige Sammlung der historischen Quellen anzulegen, noch diese Quellen (insbesondere unter Berücksichtigung der zahlreichen sich widersprechenden Aussagen) aufzuarbeiten. Zugegeben, die Zahl der zeitgenössischen Unterlagen ist enorm und diese sind auf mehrere Dutzend Archive und Bibliotheken sowie auf mindestens sieben Länder und zwei Kontinente verstreut.

Besonders schade ist es, daß insbesondere durch zahlreiche Romanschreiber im 19. Jahrhundert, Groschenhefte mit Fortsetzungsfolgen über den angeblichen Räuberhelden und nicht zuletzt durch Käutners Film "Schinderhannes" von 1957 mit Curd Jürgens in der Hauptrolle, die wahre Person des Schinderhannes fast völlig aus dem Bewußtsein der Menschen verschwunden ist.

Das Fehlen einer zuverlässigen Aufarbeitung des Themas wurde zum Anlaß einer inzwischen 20 Jahre dauernden Recherche, in der das Thema von Grund auf vollständig neu bearbeitet wurde.

Erstmalig erfolgten

- eine umfassende Quellensammlung in den Gemeinde-, Stadt- und Staatsarchiven im In- und Ausland. Heute liegen etwa 50.000 Seiten historische Dokumente vor. Es stellte sich heraus, daß fast die Hälfte der gefundenen Unterlagen seit 200 Jahren offenbar unbeachtet war.

- eine Aufarbeitung des links- UND rechtsrheinischen Auftretens des Räubers unter Trennung von Tatsachenberichten und Sagen. Heute läßt sich Schinderhannes z.B. an mehr als 100 Orten im Rechtsrheinischen (= also auf der östlichen Rheinseite nachweisen).

- eine Aufarbeitung der Strafakten unter juristischen Gesichtspunkten (also unter der Maßgabe, es wäre die damalige Gerichtsverhandlung nochmals durchgeführt worden). Dabei konnten 130 Straftaten des Räubers und 93 Mittäter nachgewiesen werden.

- eine Auswertung von 1.080 Straftatender Region Mittelrhein (Schwerpunkt die umfassenden Archive von Mainz und Frankfurt/M.) der Jahre 1796 bis 1803. Inzwischen sind dadurch über 3.000 Täter und Opfer jener Zeit bekannt und zahllose Zusammenhänge insbesondere in der organisierten Kriminalität offenbar geworden.

- eine Bearbeitung der französischen Strafgerichtsbarkeit, die seit Ende 1797 im Linksrheinischen eingerichtet wurde, und der rechtsrheinischen - deutschen - Justiz (im wesentlichen am Beispiel Mainz und Frankfurt/M.)

Die Menge der zeitgenössischen Unterlagen ist jedoch so immens, daß das Thema nicht schon nach wenigen Jahren als abgeschlossen gelten kann. Es verhält sich wie ein Puzzle: Erst nach und nach lassen sich Lücken schließen. Aus diesem Grund gibt es auch die seit 2004 dauernde Vortragsreihe, durch die sich hunderte von Kontakten zu Heimat- und Familienforschern ergeben haben - bis hin nach Brasilien. Ein scheinbar zusammenhangloses Papierstückchen, gefunden in einem unbearbeiteten Aktenstapels eines damaligen Ermittlers, genügt deshalb manchmal, um einen kompletten Mordfall zu lösen (so der Mord in der Seeligmühle in Hattersheim).

Aktualisiert: 03.02.2013