Die Strafjustiz

 

Durch die seit 1792 andauernden militärischen Auseinandersetzungen am Rhein wurden insbesondere links des Rheins, vor allem im Hunsrück und der Nordpfalz, viele Regionen nahezu rechtsfrei. Die Feudalherren und ihre Verwalter waren an vielen Orten vertrieben worden und neue Ordnungskräfte nicht in der Lage, Ruhe zu schaffen. "Aber die Wahrheit zu sagen, sind (die Franzosen als neue Besatzer) keine Engel vom Himmel, sondern sehr irdische Geister, die um sich greifen und nehmen, wo sie es nur kriegen können", so stellvertretend für viele Stimmen Ernst Moritz Arndt 1804. Um das Machtvakuum zu füllen, war Frankreich im März 1797 sogar gezwungen, die alten Verwaltungen wieder einzusetzen. Erst am 31.12.1797 wurden die linksrheinischen Gebiete - noch nicht ganz völkerrechtsmäßig - Frankreich zugesprochen und in den kommenden Monaten Behörden nach französischen Muster eingerichtet. Alle Menschen galten fortan als gleich vor dem Gesetz, und die bisherige Trennung in Adel, Bürger, Beisassen und Leibeigene wurde beseitigt. Mit dem neuen, in der Revolution geborenen Strafrecht wurde der Weg geebnet für unser heutiges deutsches Strafrecht:Einem Strafrecht mit Trennung von Anklage und Gericht, einer öffentlichen Hauptverhandlung und dem Verbot der Folter. Insofern kam Schinderhannes vor ein sehr fortschrittliches Gericht.

Kam Schinderhannes aber ein "gerechtes" Verfahren zugute ? hier klicken > (noch nicht freigeschaltet)

Der Aufbau der französischen Strafjustiz (am Beispiel Mainz 1798-1802/03) hier klicken > (neu eingefügt am 28.07.2009)

Zu dieser Zeit bildete der Rhein nicht nur eine politische Grenze. Am rechten Rheinufer waren zum Teil noch mittelalterliche Methoden in der Strafjustiz erlaubt, so in Kurmainz zum Beispiel die Folter. In Nassau war die Bedrückung insbesondere der Leibeigenen fast unerträglich. Strafverfahren wurden unter Ausschluß der Öffentlichkeit entschieden, meist war nur ein einziger Richter für die Ermittlungsarbeit und das Gerichtsverfahren zuständig, der zudem Urteil ohne Rückgriff auf Gesetze verhängte. Ein Lichtblick bildete hingegen die Strafgerichtsbarkeit der Freien Reichsstadt Frankfurt am Mainz. Zwar hatte hier der Kriminalrath Dr. Siegler als Richter einen großen Handlungsspielraum, wenn Gefängnis- oder Arbeitsstrafen mit bis zu drei Monaten Dauer in Frage kamen. Er und der Frankfurter Magistrat fühlten sich aber der Gedankenströmung der Aufklärung verpflichtet: Keine Folter, Verhängung der Strafen nach Besserungsfähigkeit der Täter, Verhängung verhältnismäßig milder Strafen und weitestgehender Verzicht auf die Todesstrafe.

Der Aufbau der Frankfurter Strafjustiz hier klicken > (PDF-Dokument)

Ganz offenbar versuchte Schinderhannes die Frankfurter Verhältnisse auszunutzen. Aber da bereits französisches Militär wegen der Auslieferung eines anderen berüchtigten Schwerverbrechers, Mathias Weber (Fetzer), vor Ort war, , konnte sich Frankfurt nicht gegen eine Überlassung sperren. Darüberhinaus war man wahrscheinlich froh, Schinderhannes aus der Stadt zu haben und sich einen zeit- und kostenintensiven Prozeß zu ersparen. So hatte der Magistrat bereits ein Presseverbot erlassen, damit keine Berichte über den Aufenthaltsort des Räubers im Stadtgebiet bekannt wurden. Spektakuläre Gefangenenbefreiungen waren hier nämlich keine Seltenheit.

(wird fortgesetzt)

aktualisiert 28.07.2009